„Man ist nur so lange fremd, bis man sich kennt“

Interview mit der Kulturwissenschaftlerin Maike Wöhler

Die Kulturwissenschaftlerin im Interview mit einem griechischen Zeitzeugen
© Maike Wöhler

Kurze Einleitung zur Vita Maike Wöhler

Projektkoordinatorin und JobCoach mit den beruflichen Schwerpunkten „Migration und Integration“ und den Themenbereichen der „Erwerbstätigkeit“, „Arbeit und Leben“ – soziales Engagement als „Flüchtlingspatin“ und „Jobpatin“.

Was waren die Beweggründe, dich von deiner Arbeit in einer Bremer Behörde für ein Jahr beurlauben zu lassen, um kulturwissenschaftlich zu forschen?

Ich arbeite für die Senatorin für Soziales als JobCoach, Arbeitsvermittlerin und war unter anderem als Projektmitarbeiterin im Bereich der Berufsanerkennung ausländischer Abschlüsse tätig. Über eine behördeninterne Fortbildung „IKÖ“ – „Interkulturelle Kompetenz“ bekam ich mehr Hintergrundwissen zum Umgang in der Praxis mit „Einheimischen und Mehrheimischen“. Das brachte mich auf die Idee, mich intensiver mit dem Thema Migration und Integration zu befassen und eine Beurlaubung zu veranlassen. Aus diesem Engagement entstand dann ein eigenes Projekt.

Wie bist Du auf dieses Thema zur griechischen Arbeitsmigration gekommen?

Als ich den Entschluss gefasst hatte, wieder als Kulturwissenschaftlerin zu forschen und mich wissenschaftlich mit dem Thema Migration auseinanderzusetzen, überlegte ich zuerst, welche zugewanderten Menschen ich kenne und ob die Möglichkeit besteht, sie nach ihren individuellen Migrationsprozessen zu befragen. Da ich aus dem Rheinland komme, also gebürtige Rheinländerin bin, seit Jahren meinen Wohnort in den Norden Deutschlands verlegt habe (und somit auch „Migrationserfahrung“ besitze) plante ich über „meine Heimat“ zu forschen. Ich lebte einige Zeit in Wiesbaden in einem Stadtteil mit einer großen griechischen Community und hatte das große Glück, eine griechische Großfamilie kennenzulernen. Der Großvater dieser griechischen Großfamilie zog als „Gastarbeiter“ an den Rhein, um in der Chemischen Industrie in Wiesbaden zu arbeiten. Da ich schon damals oft spannende Geschichten der Zu- und Einwanderung hörte, beschloss ich, im Rahmen der Feldforschung mich dieser Familie anzunähern und mit den ersten Befragungen zu beginnen. Daraus entwickelte sich dann mein erstes Projekt.

Wie sah die Zusammenarbeit mit der griechischen Community in Wiesbaden aus?

Aller Anfang ist oft schwer“ – natürlich, wie überall auch, wenn man neue Menschen und Gruppen trifft und soziale Strukturen vorfindet, sollte man sich behutsam beobachtend annähern. Für mich stand bei allem Forschen und Befragen die gegenseitige Annäherung und das Erkunden mit einem vielfältigem System an Orientierungen und Präferenzen im Vordergrund und nicht die Annahme von gegebenen geschlossenen nationalen Kulturen. Ich habe zudem immer darauf geachtet, mich nicht auf eine Majoritätsebene zu begeben, sondern wertneutral und wertungsfrei die narrativ-episodischen Interviews zu führen.

Nach einiger Zeit lernte ich die griechisch-orthodoxe Pfarrgemeinde „Heiliger Georgios“ kennen und konnte sie mit ihrem Kirchenoberhaupt „Vater Georgios“ als Unterstützer und Kooperationspartner gewinnen. Es ist eine große Gemeinde mit über 5.000 Gemeindemitgliedern, davon auch viele ehemalige „Gastarbeiter*innen“. Dieser positive Umstand war eine Bereicherung für mich persönlich und für mein Projekt. Bis heute bin ich dankbar für diese interessanten und wertvollen Menschen, von denen mich einige bis heute begleiten.

Vater Georgios“ auf dem Patronatsfest seiner Pfarrgemeinde „Heiliger Georgios“
© Maike Wöhler

Gibt es Besonderheiten, die Dir während der Forschungsarbeit auffielen?

Die Besonderheiten bezogen sich mehr auf meine Herkunft als „Bio-Deutsche“ und bewirkten ein noch kritischeres eigenes Auseinandersetzen mit meiner Herkunft, Riten und Gepflogenheiten und führten zu einem reflexiv-differenzierten Blick auf das sogenannte „Fremde“ und die „Anderen“.

Mein Ziel war es, den Prozess der Annäherung der in diesem Sinne als „deutsch“ und „griechisch“ konstruierten Gruppen und die Vielfalt dieses aktiven Prozesses von beiden Seiten aufzuzeigen und als eine Art Plädoyer für postmigrantische, hybride Entwicklungen mit einer kulturellen Vielfalt jenseits der Parallelgesellschaften zu verstehen. Das (Vor-)Urteil – Deutschland als homogene und meinungsführende Kulturnation zu sehen – wird durch eine differenzierte Herangehensweise und eine multikulturelle Aufwertung der Herkunftskulturen widerlegt.

Ist das Thema auch für „Biodeutsche“ interessant?

Das Thema „Zuwanderung“ betrifft uns alle. Für mich war es im Rahmen meiner Feldforschung wichtig, aufzuzeigen, dass die zugewanderten Menschen keine „Fremden auf der Durchreise“ sind, sondern dass sie schon sehr lange unsere Gesellschaft und das soziale Leben aktiv mitgestalten.

Können wir aus der Vergangenheit lernen? Sind die Geschichten der Migration auf heute übertragbar?

Ja, natürlich. Das Thema „Zuwanderung“ ist hochaktuell. Mein Fokus lag ja schwerpunktmäßig auf den Befragungen der Einwandererfamilien der 1. Generation. Schnell wurde deutlich, dass der Prozess der Migration über Generationen hinweg andauert und die Geschichte der Zuwanderung auf heute übertragbar ist.

Ich möchte den Blick der Menschen erweitern und sie ermuntern, sich aktiv in diesen Prozess einzulassen und an einer Neufindung und Neuorientierung auch unserer Gesellschaft aktiv mitzugestalten. An diesem „Findungsprozess“ sind alle beteiligt: „Alte Deutsche/Bio-Deutsche“, „Neue Deutsche“, Einheimische, Mehrheimische, neue Einwanderer*innen u.a.m. Jede Veränderung kann mit Ängsten, Unsicherheiten und Konflikten verbunden sein – gleichzeitig erhält sie aber auch die Möglichkeit, aktiv an neuen Kooperationen und Netzwerkbildungen mitzuwirken.

Was hast Du für Dich persönlich aus dieser Arbeit mitgenommen?

Nach und nach trat auch bei mir eine Veränderung ein: durch den Prozess der Beobachtung mit den Methoden der Oral History entwickelte sich eine eigene reflexiv-kritische Haltung zu meiner „kulturellen Identität“. Das war und ist nach wie eine Bereicherung in meinem Leben.

Sind aus Deinem ehrenamtlichen Forschungsprojekt Kooperationen entstanden?

Aus den Gesprächen – ich habe über 80 Gespräche geführt – haben sich mittlerweile auch Netzwerke gebildet – was ich natürlich sehr begrüße. Sie unterstützen mich nun in meinem neuen Projekt.

Was sind Deine weiteren Pläne?

Da ich für mein Wiesbaden-Projekt zwischen meinem Wohnort Bremen und Wiesbaden pendelte, plante ich, ein ähnliches Projekt im Norden umzusetzen, da besonders die Nordregion Bremen, Delmenhorst und Landkreis Friesland bevorzugte Auswanderungs- und Zielgebiete waren.

Ein ehemaliges Betriebsratsmitglied der ehemaligen Olympia-Werke in Wilhelmshaven (Roffhausen) fragte mich, ob ich nicht Interesse hätte, über die ehemaligen „Gastarbeiter*innen“ der Olympia-Werke zu forschen. Nach den ersten Recherchen stellte sich heraus: Die damaligen Olympia-Werke arbeiteten bevorzugt mit griechischen Arbeitskräften. In den 1960er Jahren rekrutierten die Olympia-Beauftragten von Roffhausen auch in Griechenland bis zu 5.000 Griechinnen und Griechen. Interessant ist hier, dass das Thema der „Gastarbeit“ wie ein „weißer Fleck“ behandelt wurde. Es findet sich so gut wie nichts in den Firmenarchiven, auch in der damaligen Mitarbeiter-Zeitung „Olympia-Ring“ erfuhren die ausländischen Arbeitskräfte keine Aufmerksamkeit. So fand sich lediglich für ein Jahrzehnt nur ein kleiner Artikel über „die ausländischen Arbeitskräfte“. Da bleibe ich dran! Es gibt noch einige Zeitzeuginnen und Zeitzeugen, die es befürworten, dass nun nach über 50 Jahren der Zuwanderung geforscht und geschrieben wird. So geht die Geschichte immer weiter und ich kann ein kleines Stück zur historischen Aufarbeitung dazu beitragen…..

Vielen Dank für das Gespräch!

Vor dem Einstellungsbüro, © Stadtarchiv Wiesbaden
Abschied aus Wiesbaden, © Stadtarchiv Wiesbaden

Buchbestellung „Man ist nur so lange fremd, bis man sich kennt“ unter dem Link:
https://tredition.de/autoren/maike-woehler-29496/man-ist-nur-so-lange-fremd-bis-man-sich-kennt-paperback-128121/

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